Das Reale in der Kultur der Moderne
"Mit dem Realen hat es in der Moderne eine eigentümliche Bewandtnis. Während es für ein spontanes Weltverhalten auf unproblematische Weise gegeben scheint, haben sich Dichter, Künstler, Philosophen und ihr Tun reflektierende Wissenschaftler notorisch schwer mit Aussagen darüber getan, wie die Welt ‚wirklich ist‘. Denn was sich in sprachlichen Repräsentationen oder wissenschaftlichen Experimentalanordnungen zeigt, ist schon nicht mehr das Reale ‚als solches‘, sondern gefiltert durch den Eigensinn menschlicher Erfahrung, kultureller Zeichensysteme und technischer Apparate. Diese Unzugänglichkeit des Realen, das in seinem Begriff einerseits die Vorstellung von etwas Eigentlichem und Wesenhaftem erweckt, dessen man andererseits aber nur in gleichsam entstellter Form habhaft zu werden vermag, grundiert die Selbstwahrnehmung der Moderne als einer Epoche, die ihrer Verankerung in der Welt nicht gewiss ist – trotz aller technisch-wissenschaftlichen Erfolge. Das Graduiertenkolleg hat nicht den Anspruch, dieses sowohl ästhetische wie erkenntnistheoretische Dilemma aufzulösen. Stattdessen soll die dilemmatische Struktur des Wirklichkeitsbezugs der Moderne ihrerseits als kulturelle Gegebenheit angenommen und in ihren wechselnden Gestaltungsweisen analysiert werden. Das Ziel ist es also, das Reale als permanenten Verhandlungsgegenstand der Kultur der Moderne zu profilieren. Dem liegt die Arbeitshypothese zugrunde, dass die Plastizität des Realen ein funktionales Erfordernis moderner Gesellschaften darstellt. Nur so lässt sich auf befriedigende Weise erklären, warum eine derart realitätsmächtige Weltperiode wie die Moderne sich zugleich als eine Epoche imaginiert, die ihren Bezug zur Natur und zum Wesensgrund der Dinge verloren hat. In der ersten Bewilligungsphase standen die krisenhaft-katastrophischen Ausprägungen dieser Gespaltenheit im Vordergrund. In der zweiten Förderperiode sollen eher die unspektakulären Heuristiken des Realen im gesellschaftlichen ‚Normalbetrieb‘ mitsamt den entsprechenden wissenskulturellen Operationalisierungen in den Blick gerückt werden. Wie bisher geschieht dies aus kultursemiotischer Perspektive, in der Konstanzer Tradition einer Allgemeinen Literaturwissenschaft – im Verbund mit medien- und wissenschaftsgeschichtlichen Ansätzen sowie, neuerdings, einer auf Praktiken und Materialitäten fokussierenden Ethnologie. Das Kolleg ist Teil des Schwerpunkts kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung am Ort und überdies in hochrangige internationale Kooperationen eingebettet."
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